wdf*idf – der Kaiserweg zur Neukundengewinnung?

22. Juli 2014 | Von | Kategorie: Allgemein, Banking, Binäre Optionen, Finanztexte auf den Punkt, Gastbeiträge, Geldanlage, Kredite, Leitartikel, Öffentliche Gelder, öffentliche Gelder, Sonstige Themen, Versicherungen

Ich bin Texter. Ich war es nicht immer, aber seit Ende 2010 verdiene ich mein Geld mit dem Erstellen von Texten für Portalbetreiber. Das Erste, das ich mit dem Einstieg in die neue Welt lernte, war das Wort SEO. Nach 26 Jahren im Finanzvertrieb war mir die Thematik der Neukundengewinnung durchaus geläufig, SEO ist die digitale Form davon. Und wie in der realen Welt, treibt der Vertrieb auch im Web interessante Blüten. Die selbst ernannten Vertriebsgurus der 80er und 90er wurden durch die SEO-Cracks im neuen Jahrtausend abgelöst. Wurde der Außendienst früher zur Selbstmotivation barfuß über glühende Kohlen geschickt, bilden heute mathematische Formeln die Grundlage zur Kundengewinnung.

Ranking und sinnvoller Content – schließt sich das wirklich aus?

Wenn ihr einmal die Texte im Internet aufmerksam lest, werdet ihr schnell feststellen, dass viele davon recht „verquer“ geschrieben sind. Häufig stellt sich die Frage, ob der Autor der Grammatik nicht mächtig ist, oder völlig schmerzfrei Wortwiederholungen an Wortwiederholungen hängt. Die Suchmaschinenoptimierung, der Kampf um das Ranking bei Google, verlangt natürlich, dass die Aufmerksamkeit des großen „G“ geweckt wird, analog zu einem Werbeflyer in der alten Welt. Wie diese Aufmerksamkeit erreicht wird, darüber streiten sich die Geister. Für die SEO-Päbste gilt nur noch die reine Mathematik. Die berühmte wdf*idf Formel oder alternativ die Wiener Sachtextformel lösen die glatte Lesbarkeit eines Beitrags ab. Ich war nicht immer Texter. Als gelernter Psycho- und Neurolinguist habe ich mich schon in früherer Zeit mit Sprache beschäftigt. Sprache auf Formeln heruntergebrochen ist in der Linguistik aus Forschungsgründen wichtig. Wenn jedoch die Silbenanzahl der Wörter auf einer Homepage wichtiger wird als die Inhalte, die Texte damit grausam zu lesen werden, wird mancher Nutzer den zeitnahen Ausstieg aus der Seite suchen. Interessanterweise verfolgen manche Portalbetreiber jedoch eine gänzlich andere Strategie.

Ein Hype jagt den anderen

SEO-Coaches und Verkaufstrainer haben eines gemeinsam: Sie müssen ständig neue „Zauberformeln“ entwickeln, um im Gespräch und damit im Geschäft zu bleiben. Aus meiner Vertriebszeit ist mir der alte Wein in neuen Schläuchen, den ich über zwei Jahrzehnte von Coaches serviert bekam, durchaus noch in guter Erinnerung.

Ein Mann kommt in ein Zoogeschäft und möchte einen Papagei kaufen. Zunächst interessiert er sich für einen wunderschönen roten Ara und fragt nach dem Preis. „2.000 Euro“ lautet die lapidare Antwort des Händlers „Um Himmels willen, was kann der denn?“ „Er spricht fließend Englisch.“ „Zu teuer“, lautet die Antwort, gefolgt von der Frage, was ein etwas weiter hinten stehender blauer Ara koste. „5.000 Euro, und bevor sie fragen, was er kann, er spricht Englisch und Französisch fließend.“ Der Kunde ist verwirrt, sieht aber dann einen völlig heruntergekommenen, alten grauen Kakadu und denkt sich, der sollte käuflich sein. Auf die Frage nach dem Preis erhält er die Antwort „10.000 Euro“ „Was? Und was kann der alles“. „Der kann nichts“, antwortet der Zoohändler, „er trainiert nur die beiden anderen.“

Oft genug musste ich bei den Trainern vorne am Rednerpult an diese Geschichte denken. Meine Kollegen rannten nicht selten mit glasigen Augen aus den Seminaren, um endlich 500 Prozent Umsatzsteigerung bei der Kaltakquise zu realisieren. Endlich hatte ihnen doch jemand die Zauberformel dafür genannt, sie mit der Aufforderung „Und verändern Sie diesen Satz, diese Erfolgsformel, in der Ansprache niemals“ eingeschworen. Die Erfolge waren, so kam später durch, eher verhalten. Aber – der Trainer hatte sich bei den Unternehmen ins Gespräch gebracht, war im Geschäft. Einige wenige Coaches verfolgten jedoch eine andere Strategie, weniger marktschreierisch. Sie setzten auf die Authentizität der Verkäufer, stärkten deren Individualität. Das authentische und individuelle Auftreten beim Kunden war der Schlüssel für die Vertrauensbasis. So, wie diese Trainer auf „Formeln“ verzichten, so gibt es Portalbetreiber, welche mit der Formel „content is king“ ihr Geschäft betreiben.

Content – die Authentizität im Internet

Erfreulicherweise ist es mir in den Jahren gelungen, mir einen festen Kundenstamm aufzubauen. Einige dieser Auftraggeber ranken mit ihren Portalen im jeweiligen Marktsegment auf eins, zwei oder drei. Je nach Google-Laune wechseln sie mal die Plätze, rutschen aber nie tiefer. Natürlich greifen sie auch auf Keywords und link-building zurück, ABER: Es gibt kein Malen nach Zahlen, kein Schreiben nach Kurven, sondern die Ansage ist klar: Schreibe gut lesbaren Content mit Mehrwert, hier oder dort ein Key und gut ist es. Es sind die Erfolgreichen, welche die Hypes ignorieren und Panda und Penguin überlebt haben. Die Anhänger der Suggestivfragen und Ja-Straßen im Vertrieb der realen Welt, der Hype in den 80ern, sind ausgestorben. Es bleibt die Frage, wie lange sich die elaborierten SEOzismen und ihre sich selbst vermarktenden Gurus halten, und ob am Ende nicht doch der lesbare, unverstümmelte Content die Oberhand behält. Einen anspruchsvollen Inhalt zu schreiben hat für mich nichts mit Textverstümmelung und vorsätzlich falscher, aber suchmaschinenfreundlicher Grammatik zu tun.

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